Im Jahr 2016 haben wir im Kaffee und Teehaus in Perleberg den mexikanischen Kaffee von der Finca Hamburgo präsentiert. Mit dabei war damals die Ur-Urenkelin Miranda Edelmann Toriello, des Perleberger Fincagründers Arthur Erich Edelmann. Er verließ 1888 gemeinsam mit seiner Ehefrau und einigen vertrauten Mitarbeitern seine Heimatstadt Perleberg, um sich im entfernten Mexiko einer neuen Herausforderung zu stellen – dem Kaffeeanbau. Mit Hingabe und harter Arbeit wurde der Grundstein für ein erfolgreiches Unternehmen gelegt, das sich auch heute noch in Familienbesitz befindet. 

IMG_5093.JPG    IMG_4419.JPG

Zu Beginn des Jahres 2018 hatte ich die große Freude, die Finca Hamburgo in Mexiko zu besuchen. Für mich bot sich die großartige Gelegenheit, die Familie Edelmann persönlich kennenzulernen und dabei einen tiefen Einblick in die Kaffeeproduktion zu bekommen. 

Ich startete am 6. Januar 2018 über Berlin und Paris nach Mexiko City. Von dort ging es mit einem Inlandsflug weiter nach Tapachula in den Süden Mexikos. Insgesamt war ich gut 22 Stunden unterwegs. Einen Tag später landete ich gegen 8.45 Uhr in der quirligen Metropole im Bundesstaat Chiapas. Tapachula liegt etwa 25 km von der pazifischen Hafenstadt Puerto Chiapas entfernt. Nach Mexiko City sind es immerhin 1100 km. Die Grenze zu Guatemala ist ca. 18 km entfernt. Tapachula ist die wirtschaftlich bedeutendste Stadt im Chiapas mit einer wichtigen Rolle als Handelsverbindung zwischen Mittel- und Nordamerika. 

Am Flughafen in wartete mein mexikanischer Chauffeur Peter auf mich. Schnell wurde mir klar, dass ich wohl doch besser hätte spanisch lernen sollen. Bislang war ich mit Englisch überall zurecht gekommen. Das änderte sich jetzt. Leider sprach Peter nur spanisch. So scheiterte der Versuch eines Gespräches am mangelnden Sprachverständnis. Schließlich kam Peter auf die Idee Herrn Edelmann Blass anzurufen. Da er sehr gut deutsch spricht, wurde quasi fernmündlich übersetzt. 

Nach dem wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen hatten, kam ich schnell in den Genuss mexikanischen Landlebens. Die Straßen wurden zunehmend schlechter und glichen stellenweise eher unbefestigten Sommerwegen. Schlechte Asphaltflächen wurden durch tiefe Löcher unterbrochen. Als wir dann in die Berge der Sierra Madre kamen ging es nur noch im Schritttempo voran. Nach gut 1 ½ Stunden kam die Finca Hamburgo in Sicht. Von dort sind es noch einmal 10 Minuten zur Unterkunft, die auf einem Bergplateu liegt. Endlich angekommen wurde ich von der Hausdame Bertha überaus nett mit eine herrlichen Tasse Kaffee empfangen. Jetzt war ich also im Paradies angekommen. Mich umfing eine fantastische Landschaft mit atemberaubenden Blicken, die zur einen Seite bis zur Pazifikküste und zur anderen bis zum Gipfel des Vulkans Tacaná in Guatemala reichten. 

IMG_0110.JPG   7516846016_IMG_0192.jpg

Das Ferienobjekt besteht aus drei Holzhütten mit je drei Zimmern mit Bad, einem Wellnessbereich mit dem schönen Namen „Spa Baden-Baden“ und netten Restaurant „Perleberg“. Alles ist eingebettet von endlosen Kaffeepflanzen. 

Überrascht wurde ich bereits am ersten Morgen. Als ich meinen Bungalow verließ standen auf der Holzbrüstung des Vorbaus eine Thermoskanne und eine Tasse. Mit so einem herrlichen Filterkaffee begann also nun jeder Tag. Nach einem reichhaltigen Frühstück zog es mich herunter zur Finca Hamburgo. Dort umfing mich sofort der fruchtig-gärende Geruch frisch geschälter Kaffeekirschen. Im Büro der Finca traf ich Tomas Bruno Edelmann Toriello. Er ist der Ur-Urenkel von Arthur Erich Edelmann und Sohn des jetzigen Eigentümers Tomas Edelmann Blass. Der 28-jährige freute sich sehr über den Besuch aus der Heimat seiner Vorfahren. In einer Mischung aus Englisch und Deutsch unterhielten wir uns und fanden schnell zu unserer gemeinsamen Passion, dem Kaffee. Auf der anschließenden Führung über die Finca erläuterte Tomas Bruno mir die unterschiedlichen Produktionsbereiche.

Am Ende eines spitz zulaufenden Silos werden die Kaffeekirschen in einem Wasserstrom in den Entpulper transportiert. Das ist eine haushohe, aus mehreren Elementen bestehende Maschine, die das Fruchtfleisch entfernt. Von dort werden die Fruchtkerne, die jetzt Pergaminos heißen, in Fermentationstanks befördert. Durch noch anhaftende Fruchtfleischreste und die warme Witterung beginnt relativ schnell gesteuerter Fäulnisprozess, durch den verschiedene Aromen im Kaffee ausgebildet werden. Dann erfolgt die Trocknung. Aufgrund der großen Mengen Kaffee wird nicht nur auf den traditionellen Betonflächen getrocknet, sondern auch in speziellen Trockentrommeln. Anschließend erfolgt die Sortierung und der Transport nach Tapachula. Dort wird der Kaffee nach Kundenwunsch geschält, kommissioniert und verschifft.

IMG_6124.jpg   IMG_6178.jpg

Auf den 280 ha Gesamtfläche werden ca. 400 t Kaffee produziert. Die Ernte erfolgt wegen des unwegsamen und steilen Geländes ausschließlich von Hand. Ein großes Problem in vielen Kaffeeanbauländer, so auch in Mexiko, ist der Kaffeerost. Dabei handelt es sich um einen Pilzbefall der Blätter der Kaffeepflanze. An deren Unterseite bilde sich rostrote Flecken, die zum völligen Blattverlust führen können. Unbehandelt ist die Pflanze nicht überlebensfähig. Es bleibt also nur der Einsatz eines chemischen Fungizides. Biologische Mittel scheiden leider aufgrund ihrer mangelnden Wirksamkeit bei der Größe der Finca aus. Anders sieht es bei der Bekämpfung des Kaffeebohrers aus. Das Insekt bohrt die Kerne an, um seine Eier darin abzulegen. Bei der Bekämpfung setzt man künftig auf den Einsatz einer speziellen Wespenart, die als natürlicher Feind die Population des Kaffeebohrers in Schach halten soll.

Die „Coffeetales Hamburgo S.A. de C.V.“, so die offizielle Firmenbezeichnung, besteht aus zwei Teilen. Der Hauptteil ist die Finca Hamburgo. Einige Kilometer entfernt und etwas tiefer gelegen befindet sich die Finca Chiripa. Tomas Bruno zeigte mir auch diesen Bereich. Dort werden besondere Varietäten, wie Maragogype, Pacamara und Sarchimore angebaut. 

Am nächsten Tag hatte ich dann die übergroße Freude, Tomas Edelmann Blass, den Geschäftsführer der Finca Hamburgo kennen zulernen. Nach dem wir bislang uns nur über die sozialen Medien kannten, waren wir beide sehr froh über den persönlichen Kontakt. Die Tatsache, dass Herr Edelmann ausgezeichnet deutsch spricht, macht es dann auch für mich wesentlich leichter. Nach dem ich die Grüße von Perlebergs Bürgermeisterin Annett Jura übermittelt habe, sind wir schnell bei der Historie der Finca Hamburgo und der Familie Edelmann gelandet. 

Arthur Erich Edelmann wanderte mit seiner Frau und einigen Getreuen ins Hochland des Soconusco aus. Das ist ein Gebiet im Süden Mexikos, das sich bis hinein ins angrenzende Guatemala erstreckt. Mit Mut, Beharrlichkeit und Risikobereitschaft gelang es ihm, zu einem Pionier in der Kaffeeproduktion zu werden. Gemeinsam mit seiner Frau, Doris Mertens, hat er quasi aus dem Nichts etwas geschaffen, das bis in die Gegenwart wirkt. Meine Reise hat mich Bewunderung und tiefen Respekt für die Leistungen der Edelmanns gelehrt.

Die beiden Kinder Harald Bruno und Anneliese führten ihre Schulausbildung in Deutschland zu Ende. Zwei Jahre nach dem Tot von Arthur Erich Edelmann im Jahre 1929 viel seinem Sohn mit knapp 20 Jahren die schwierige Aufgabe zu, die Finca weiter zu führen. Harald Bruno packte diese Aufgabe entschlossen und Wagemutig an. Er erwarb in Europa modernste Maschinen und installierte 1939 sogar eine Drahtseilbahn zur Entlastung der Arbeiter. Diese Anlage sieht noch heute so aus, obwohl längst nicht mehr in Betrieb, als ob sie jeder Zeit wieder eingeschaltet werden könnte. 

Nach dem 1942 Mexiko unter anderen auch Deutschland den Krieg erklärte, wurden die Wohltäter plötzlich zu Feinden. Sie wurden Enteignet und die Fincas wurden treuhänderisch verwaltet. Das führte zum Produktionsrückgang und zu Qualitätsmängeln. Nach Kriegsende konnten Edelmanns ihren nun maroden Besitz zurückkaufen. Aber auch diesen Neuanfang meisterten sie. Ihnen kam zu Gute, dass der Kaffeebedarf nach dem zweiten Weltkrieg extrem anstieg. Zwischen 1945 und 1950 verdoppelte sich der Preis. 1953 ließ Harald Bruno die Grundschule Abraham Lincoln bauen. Noch heute lernen dort die Kinder der mexikanischen Landbevölkerung Lesen und Schreiben. 

Harald Bruno starb 1976. Seine Urne und die seiner Frau befinden sich in einem Kolumbarium oderhalb der Finca direkt neben einer Kapelle. Die nächste Generation, Sohn Eberhard, übernahm die Geschäfte. Auch er hatte es nicht leicht, als 1989 die Kaffeepreise auf dem Weltmarkt einbrachen. Viele Fincas vielen dieser Tatsache zum Opfer. Auch die Finca Hamburgo bewegte sich am Rande des Bankrotts. Die Familie Edelmann suchte nach einem Ausweg aus dieser Krise. Diesen fand sie im Bereich des Spezialitätenkaffees. Nicht Masse, sondern Klasse war nun die Devise. Das diese Entscheidung richtig war ist an der erfolgreichen Entwicklung der Finca sichtbar. 

7516746096_IMG_0366.jpg   7516746096_IMG_0342.JPG

Seit 2002 ist nun Tomas Edelmann Blass für die Geschicke der Finca Hamburg verantwortlich. Er setzt auf einen engen Kontakt zu in- und ausländischen Kunden. Viele der erwirtschafteten Gelder kommen den Arbeitern in Form von sozialen Einrichtungen (Unterkünfte, Sportplätze, weiterführende Schulbildung, Krankenstation, Elektrizität in allen Wohnbereichen) zu Gute.

Nach meinem morgendlichen Kaffee und einem guten Frühstück ging es dann am nächsten Tag zu  einer Gärtnerei in der Anturien und Orchideen gezüchtet werden. Es gibt nämlich nicht nur Kaffee im Chiapas. Die auffälligen Blüten in rot, rosé, grün und braun werden sehr aufwendig geerntet und verpackt. Jede Blüte erhält ein eigenes Wasserreservoir für die Reise und eine eigene Folienverpackung, bevor sie versetzt in Kartons verpackt werden. 

Kurz vor Ende meiner Reise machte ich dann auch noch Bekanntschaft mit einigen Erdstößen, die in dieser Region nicht selten sind. Erst im September des letzten Jahre ereignete sich ein schweres Erdbeben der Stärke 8,2 vor der Küste im östlichen Teil des Golfes von Theoantepec. Das Ereignis blieb für die Finca Hamburgo glücklicher Weise ohne ernste Folgen. Diese waren weiter westlich wesentlich schlimmer. 

Neben dem Hauptthema meiner Reise, dem Kaffee, kam natürlich auch die Erholung nicht zu kurz. Das warme und sonnige Wetter in der Kombination mit der einzigartigen Landschaft des Soconusco führte in kürzester Zeit zu einer tiefen Entspannung, die durch einen Gelegentlichen Aufenthalt im Spa-Bereich noch gesteigert wurde. 

IMG_0794.jpg    IMG_0793.jpg

So viel dann der Abschied auch besonders schwer (Bild mit der guten Seele der Finca Hamburgo, Bertha). Die Aussicht auf nass-kaltes Winterwetter in der Heimat tat ihr übriges. Was bleibt sind die Erinnerungen an ein gastfreundliches Land und seine freundlichen Menschen und natürlich die Wertschätzung für Ihre Arbeit rund um den Kaffee.